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Spektrum demografischer Forschung in Deutschland

Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD) vom 16. bis 18. März 2015 in Berlin

Mit den Herausforderungen, Leistungen und Perspektiven der demografischen Forschung in Deutschland befasste sich die diesjährige Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie vom 16. bis 18. März 2015 in Berlin, an der auch zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem BiB teilnahmen. In einem neuen Format wurden in einzelnen Sessions Ergebnisse der beteiligten Institute vorgestellt und diskutiert. Zusätzlich widmete sich eine Diskussionsveranstaltung der Frage, wie es gelingen könne, das Fach Bevölkerungswissenschaft an deutschen Universitäten zu stärken.

Das Bild zeigt Franz Müntefering und Prof. Dr. Tilman Mayer DGD - JahrestagungFranz Müntefering und der DGD-Präsident Prof. Dr. Tilman Mayer bei der Eröffnung der DGD-Tagung.

In seiner Eröffnungsrede verwies der Präsident der DGD, Prof. Dr. Tilman Mayer, auf die aktuelle Bedeutung des Themas Demografie in der öffentlichen Diskussion, insbesondere betrifft dies die derzeit geführte Einwanderungsdiskussion. Er zeigte sich erstaunt, wie spät die Öffentlichkeit das sogenannte Punktesystem Kanadas aufgreife, das im wissenschaftlichen Kontext schon seit längerer Zeit mit seinen Vor- und Nachteilen diskutiert werde. Dazu bedürfe es einer differenzierenden Kommentierung, inwieweit Deutschland als Einwanderungsland betrachtet werden könne. So sei in vielen Ländern mit hoher Einwanderung eine große Akzeptanz der Zuwanderung selbstverständlicher gegeben und sie finde in einem ausgeprägten familiären Kontext statt. Für eine gelungene Integration im Sinne eines Einwanderungslandes spiele auch der Zusammenhang mit der Fertilitätsentwicklung eine Rolle, die beim Geburtenniveau gewisse Mindestvoraussetzungen erfüllen müsse, betonte Prof. Mayer.


Sessions des BiB zu den Folgen von räumlicher Mobilität und zu Vorstellungen von Familienleitbildern

Neben dem Thema Migration standen in den insgesamt 13 Sessions viele weitere bevölkerungswissenschaftliche und demografiepolitische Themen auf der Agenda. Dabei beteiligt sich auch das BiB mit zwei Sessions. So stand in der ersten das Thema Migration und Mobilität im Fokus. Stine Waibel präsentierte Ergebnisse zu den Wirkungen der transnationalen Bildungsmobilität auf den späteren Lebensverlauf. Hier wurde überprüft, inwieweit sich temporäre Auslandserfahrungen im Studium positiv auf den Erwerbsverlauf und auf den beruflichen Status auswirken. Wie und ob sich gestiegene berufsbedingte Mobilitätserfordernisse auf das Geburtenverhalten auswirken, analysierte Thomas Skora. Als eine Konsequenz aus der Zunahme zirkulärer Mobilitätsformen müssten die jüngeren Geburtskohorten familienbezogene Entscheidungen vor dem Hintergrund veränderter Mobilitätserfahrungen machen. Dabei könne davon ausgegangen werden, dass die Veränderungen beim Mobilitätsverhalten einen Erklärungsbeitrag zum veränderten generativen Verhalten und der Familienentwicklung bieten.

Mit den Bedingungen, Motiven und Folgen der Aus- und Rückwanderung deutscher Staatsbürger befassten sich Andreas Ette (BiB), Prof. Dr. Marcel Erlinghagen (Uni Duisburg), Marcus Engler (Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Integration und Migration), Dr. Lenore Sauer (BIB) und Dr. Friedrich Scheller (Uni Duisburg). Anhand ihrer kürzlich erschienen Studie präsentierten sie erste Befunde zur internationalen Mobilität der Bevölkerung in Deutschland. Sie analysierten, wer geht, wer zurückkommt und wie sich diese Personengruppen von der international nicht-mobilen Bevölkerung unterscheiden. Dazu wurde die Frage nach den Wanderungsmotiven der Aus- und Rückwanderer sowie den Auswirkungen der internationalen Mobilität auf den Lebensverlauf und die individuellen Lebensbedingungen gestellt.

Was ist Familie? Diese Frage stand im Zentrum der zweiten Session, in der Dr. Detlev Lück die Grundlagen der Leitbildforschung sowie die quantitative Studie „Familienleitbilder“ (FLB) des BiB vorstellte. Am Beispiel der gegenwärtig noch laufenden qualitativen Studie „Familie in Bildern“ (FiB) machte er deutlich, welche Idealvorstellungen Menschen von Familie als Lebensform haben. Danach schließen zwar die meisten Menschen in ihren persönlichen Vorstellungen einer Familie viele „nicht-konventionelle“ Lebensformen ein, wobei beispielsweise die Vorstellung weit verbreitet ist, dass eine Familie eine (beliebige) Lebensform mit Kind(ern) ist. Letztlich wird aber als Idealform und gesellschaftlich etabliertes Leitbild im Wesentlichen nur die Kernfamilie aus einem heterosexuellen (Ehe-)Paar mit eigenen (Klein-)Kindern im Haushalt betrachtet. Einen Einfluss auf die Wahrnehmung hat dabei die soziale Lage, betonte Dr. Lück.

Zur Situation der Bevölkerungswissenschaft an deutschen Universitäten

Ergänzend zu den Sessions widmete sich eine spezielle Diskussionsveranstaltung unter der Moderation des Präsidenten der DGD, Prof. Dr. Tilman Mayer (Universität Bonn) und des Direktors des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider der Frage, wie es gelingen kann, das Fach Bevölkerungsforschung an deutschen Universitäten zu stärken. Prof. Schneider kritisierte, dass Demografie bzw. Bevölkerungswissenschaft wissenschaftlich zu wenig institutionalisiert sei. Dabei müsse zwischen den Bereichen Bevölkerungswissenschaft und Demografie unterschieden werden, auch wenn beide den gleichen Forschungsgegenstand betrachteten. Die Forschungsrichtung Bevölkerungswissenschaft sei interdisziplinär ausgerichtet, stärker theoriegeleitet und stelle eher Anwendungsbezüge her, während sich die Demografie mit dem Bevölkerungsbestand, seinem Wandel und seiner Struktur befasse. Während die Demografie eher deskriptiv vorgehe, sei die Bevölkerungswissenschaft stärker an Erklärungen interessiert, betonte Prof. Schneider. Was die Stärkung der beiden Richtungen an den Universitäten angehe, müsse zunächst gefragt werden, wie sie institutionalisiert werden könnten und wie hier vorgegangen werden müsse.

Die Position des Max-Planck-Instituts Rostock zielte darauf ab, dass möglichst viele Disziplinen dazu gebracht werden sollten, ein Nebenfach Bevölkerungswissenschaft/Demografie anzubieten. Demgegenüber vertrat Prof. Schneider die Position, dass mehr genuin ausgerichtete Lehrstühle und Studiengänge zur Bevölkerungswissenschaft und Demografie benötigt werden. Prof. Mayer wies in der kontrovers geführten Diskussion darauf hin, dass der Dissenz vor allem mit dem Institut in Rostock allein in der Frage bestehe, wie stark man sich bei der Umsetzung auf die Demografie im engeren Sinne konzentriere.

Prof. Schneider plädierte für ein konkretes Programm zur Etablierung der Fachgebiete zum Beispiel mit Ausbildungsangeboten in der Surveyforschung oder der Theoriebildung. Dabei könne auch die DGD einen Impuls aussenden, indem sie beispielsweise eine Stiftungsprofessur anbiete. Zudem könne sie auch andere Disziplinen ansprechen. Dass die Bedeutung der Fachrichtung Bevölkerungswissenschaft zunehme, sei auch daran erkennbar, dass es einen steigenden Bedarf an demografisch geschulten Menschen auf dem Arbeitsmarkt gebe, der vor allem von Wissenschaftlern und Vertretern der Wirtschaft getragen werde.

Einen ausführlichen Bericht zur Tagung und den einzelnen Sessions finden Sie in der neuen Ausgabe von Bevölkerungsforschung Aktuell 2/2015.

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