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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Ähnliche demografische Trends und doch verschieden

Forschungsergebnisse zur demografischen Entwicklung beim 17. Deutsch-Österreichisch-Schweizerischen (D-A-CH) Demografentreffen vom 28. bis 30 Oktober 2015 in München

Worin liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz und welchen demografischen Trends gilt in den drei Ländern gegenwärtig die Forschungsaufmerksamkeit? Diese Fragen zogen sich wie ein roter Faden durch das mittlerweile 17. Demografentreffen mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus dem BiB und den drei Ländern, das in diesem Jahr vom BiB in Kooperation mit dem Deutschen Jugendinstitut München vom 28. bis 30. Oktober 2015 veranstaltet wurde. Der folgende Beitrag möchte neben einem Überblick über die Veranstaltung vor allem die Beiträge der BiB-Wissenschaftler/innen vorstellen.

Der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, zeigte sich in seiner Begrüßungsrede beeindruckt angesichts der langen Tradition des Treffens, das seit nunmehr über 30 Jahren in zweijährigem Turnus stattfindet. Dabei gaben auch in diesem Jahr die Vorträge und Diskussionen der neun Sessions zu den Themen Demografische Lage, Bevölkerung, Fertilität und Familie, Sterblichkeit sowie Migration einen Einblick in die aktuellen Themen der demografischen Forschung in den drei Ländern.

Die demografische Situation in den drei Ländern: Deutschland altert am schnellsten
Entsprechend der Tradition, dass das Gastgeberland einen Vergleich zwischen den drei Ländern bietet, beschäftigte sich Dr. Evelyn Grünheid (BiB) mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der demografischen Lage in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Demnach stieg die Bevölkerungszahl im Zeitraum zwischen 2000 und 2014 im Vergleich der drei Länder vor allem in der Schweiz, aber auch in Österreich deutlicher an als in Deutschland. Zudem wuchs der Anteil der Älteren über 65 Jahren im gleichen Zeitraum zwar in allen drei Ländern, aber in Deutschland am deutlichsten: von 16,6 Prozent im Jahr 2000 auf 21 % im Jahr 2014. Bei der Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer ist die Schweiz deutlich an der Spitze, während Westdeutschland im Vergleich am Ende steht. Allen drei Ländern gemeinsam ist ein kontinuierlicher Anstieg des Durchschnittsalters der Mütter bei der Erstgeburt zwischen 2000 und 2014. Vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationsentwicklung warf Dr. Grünheid auch einen Blick auf die Entwicklung der Zahlen von Asylbewerbern zwischen 1990 und 2015. Hier zeigt sich in allen drei Ländern ein Anstieg etwa ab 2013, der vor allem in Deutschland von einem niedrigen Niveau seit Mitte 2000 ausgeht und seither anwächst. Bezogen auf die Bevölkerungszahl ist der Anstieg an Asylbewerbern seit 2013 in Österreich besonders hoch. Der Anteil der ausländischen an der Gesamtbevölkerung liegt in der Schweiz mit knapp 24 % fast doppelt so hoch wie in Österreich mit 12,4 % und weit höher als in Deutschland mit rund 9 %. Einen deutlichen Unterschied gibt es dabei bei den wichtigsten Herkunftsländern: In Deutschland sind dies die Türkei, Polen und Italien, in Österreich kommen die meisten Personen mit ausländischem Pass aus Deutschland, der Türkei und Serbien und in der Schweiz stellen Italien, Deutschland und Portugal die häufigsten Herkunftsländer.

Der Blick auf Österreich: Wachstum, aber weiterhin niedriges Geburtenniveau
Wie sich die demografische Lage in Österreich derzeit darstellt, berichtete Prof. Dr. Richard Gisser (Vienna Institute of Demography, Wien). Den aktuellen Prognosen zufolge wird die Bevölkerung Österreichs auch in Zukunft wachsen: von 8,48 Millionen 2013 auf 9,62 Millionen im Jahr 2060. Zudem werde sich der Anteil älterer Menschen im Alter von 65 und mehr Jahren von derzeit 18 % langfristig auf 25 % ab 2035 erhöhen. Das Fertilitätsgeschehen stagniert derzeit. So verbleibt nach dem aktuellen Geburtenbarometer des Instituts die TFR in Österreich derzeit auf niedrigem Niveau: bei 1,464 Kindern je Frau im Jahr 2014. Was das Scheidungsgeschehen in Österreich angehe, so haben sich seit 2010 die Gesamtscheidungsraten durch einen Rückgang weitgehend normalisiert, betonte Dr. Gisser. Im Jahr 2013 gab es hier einen „Scheidungsknick“ mit einem Rückgang der Scheidungen um 5,6 %. Die Zahlen für 2014 wiesen allerdings bereits wieder auf einen Anstieg der Scheidungszahlen hin. Die Zahl der im Ausland geborenen Bevölkerung (österreichweit derzeit 1,37 Mio.) wächst infolge der Zuwanderung weiter an. Ihr Anteil beträgt derzeit 16 %. Bis 2030 könnte ihre Zahl auf 1,99 Mio. (22 %) steigen, bis 2060 wird unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Anstieg auf 2,47 Mio. (26 %) erwartet, so Dr. Gisser.

Schweizer Bevölkerung 2014 auf Wachstumskurs
Die demografische Lage in der Schweiz war im Jahr 2014 durch einen Anstieg der Bevölkerungszahl um 1,2 % gekennzeichnet, wie Marcel Heiniger vom Schweizer Bundesamt für Statistik betonte. Ursache für diese in allen Kantonen zu beobachtende Entwicklung war neben einem Einwanderungsüberschuss vor allem auch ein Anstieg der Geburtenzahl und eine rückläufige Anzahl von Todesfällen. Hauptwachstumsfaktor der Bevölkerung schweizerischer Staatsangehörigkeit bleiben die Einbürgerungen.

Altersspezifischer Wandel der Lebensformen

Bei den Lebensformen hat sich in den letzten Jahrzehnten ein enormer Wandel vollzogen: So hat sich die Vormachtstellung der traditionellen Familienform „Ehepaar mit Kindern“ aufgelöst und Lebensformen ohne den institutionellen Charakter der Ehe haben an Bedeutung gewonnen. Vor diesem Hintergrund analysierte Dr. Jürgen Dorbritz (BiB) auf der Basis von Daten des Mikrozensus von 2014 die Veränderungen im Hinblick auf altersspezifische Besonderheiten. Dabei wies er zunächst darauf hin, dass für die Bestimmung der empirischen Vielfalt von Lebensformen die Auswahl der Definitionskriterien ausschlaggebend ist. Somit komme es auf das Instrumentarium an, mit dem die unterschiedlichen Formen des Allein- und Zusammenlebens der Bevölkerung gemessen werden, betonte er. So gebe es neben den klassischen Merkmalen wie zum Beispiel der Haus- oder Partnersituation und der Stellung zur Ehe auch zusätzliche Merkmale, die die Arbeitsteilung im Haushalt, die partnerschaftliche Erwerbssituation und die berufsbedingte Mobilität miteinbeziehen. Aus wissenschaftlicher Sicht müsse geprüft werden, ob es sich bei der Vielfalt der Lebensformen um strukturell neue handle, oder ob hier eine Umverteilung auf bereits bestehende Lebensformen erfolge. Die empirische Verteilung der Bevölkerung der auf dieser Basis definierten Lebensformen zeige zunächst einmal neben bestehenden West-Ost-Unterschieden, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung in Partnerschaften und mit Kindern lebt, wobei die Ehe nach wie vor die wichtigste Lebensform geblieben ist. Allerdings gehe aus dem Mikrozensus auch hervor, dass es altersspezifisch sehr unterschiedliche Situationen gebe. So lebten beispielsweise Kinder und Jugendliche vorwiegend bei einem verheirateten Paar, während die über 80-Jährigen meist in Einpersonenhaushalten lebten. Die Analysen des Mikrozensus bestätigten, dass nicht von einer strukturellen Vielfalt neuer Lebensformen ausgegangen werden müsse, sondern eher eine begrenzte distributive Vielfalt erkennbar sei, da wenigstens dreiviertel der Bevölkerung auf fünf Lebensformen verteilt sind, mehrheitlich sogar über 80 %. Erkennbar sei zudem ein erheblicher Bedeutungsrückgang der Ehe sowie Zuwächse bei nichtehelichen Lebensgemeinschaften, Alleinlebenden und Alleinerziehenden resümierte Dr. Dorbritz.

1, 2 oder 3? Leitbilder zur Familiengröße

Die familiendemografische Situation in Deutschland wird unter anderem geprägt durch einen späteren Beginn und eine Verkürzung der reproduktiven Lebensphase sowie teilweise einen bewussten Verzicht auf Familiengründung bzw. -erweiterung. Die Zahl kinderreicher Familien nimmt ab und es gibt vor allem in Westdeutschland eine starke Orientierung am Ideal der 2-Kind-Norm. Vor diesem Hintergrund untersuchte Dr. Sabine Diabaté auf der Grundlage der BiB-Studie von 2012 zu Familienleitbildern in Deutschland, wie weit die 2-Kind-Norm verbreitet ist, wer ihr entspricht und wer davon abweicht. Für die Beantwortung dieser Forschungsfragen müssten neben dem Einfluss der Sozial-struktur auch kulturelle Leitbilder zur Familiengröße beachtet werden, wie sie in der BiB-Studie entwickelt wurden, betonte Dr. Diabaté. Die Antworten der Studie belegen, dass die 2-Kind-Familie als ideale Familiengröße angesehen wird – und zwar sowohl als persönliches als auch als gesellschaftlich wahrgenommenes Leitbild. Daraus lässt sich schließen, dass die 2-Kind-Norm als gesellschaftlich omnipräsent und wirkungsmächtig angesehen werden kann. In diesem Fall zeigt sich ein starker Zusammenhang zwischen den kulturellen Vorstellungen und der angestrebten bzw. realisierten Familiengröße. Den größten Abstand von der 2-Kind-Norm hinsichtlich ihrer kulturellen Leitbilder weist die Gruppe der gewollt Kinderlosen auf. Sie sehen Kinderreichtum eher skeptisch und nehmen in der Gesellschaft hohe Ansprüche an Eltern wahr. Zudem zeigt ihre Sicht auf die öffentliche Meinung, dass gewollt Kinderlose hinsichtlich ihrer Einstellung in der Gesellschaft Sanktionen bzw. Stigmatisierungen wahrnehmen. Auf diese Weise werden Reibungsstellen bzw. Diskrepanzen zwischen den Individuen und der Gesellschaft sichtbar. Familienleitbilder leisten somit neben sozialstrukturellen Faktoren einen zusätzlichen Erklärungsbeitrag für das Verständnis der (angestrebten) Familiengröße in der reproduktiven Phase. Darüber hinaus wird es demnächst durch eine Wiederbefragung im Längsschnitt möglich zu erforschen, inwiefern Fertilitätsintentionen realisiert werden. Darüber hinaus lassen sich verzögernde und verhindernde (Leitbild-)Faktoren identifizieren, die aktuell im Familiengründungs- und Familienerweiterungsprozess wirken, ergänzte Dr. Diabaté.

Von Deutschland in die Welt und zurück: Aus- und Rückwanderung Deutscher

Die (globalen) Folgen des demografischen Wandels und gesellschaftliche Modernisierungsprozesse mit veränderten Migrations- und Mobilitätsmustern erfordern vertiefte Kenntnisse über die internationale Mobilität zwischen hoch entwickelten Staaten. Jedoch gibt es bisher keine umfassende empirische Datenbasis zur Untersuchung dieser Wanderungsprozesse. Aus diesem Grund startete das BiB zusammen mit der Universität Duisburg-Essen und dem Forschungsbereich des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration ein Pilotprojekt zur internationalen Mobilität deutscher Staatsbürger. Ziel der Studie ist es, Antworten zu finden auf die Frage, wer auswandert bzw. wer zurückkommt und welche Motive und Beweggründe die Aus- und Rückwanderer haben. Schließlich geht es auch darum, die Auswirkungen internationaler Mobilität auf individuelle Lebensbedingungen zu erforschen. Dr. Lenore Sauer berichtete beim Treffen unter anderem über die Hintergründe sowie das Forschungsdesign des Projekts. Im zweiten Teil ihres Vortrags stellte Dr. Sauer ausgewählte Befunde für alle Befragten, aber auch speziell für die Schweiz und Österreich vor. Demnach sei für die Entscheidung zur Aus- und Rückwanderung meist ein Bündel an Motiven ausschlaggebend. Am häufigsten würde von Auswanderern der Wunsch nach neuen Erfahrungen und beruflicher Entwicklung insgesamt genannt. Ähnlich stellt sich die Situation für Auswanderer in die Schweiz und nach Österreich dar, von denen vor allem berufliche Motive als wichtig für die Auswanderungs-entscheidung angeführt werden. Für Rückwanderer dagegen spielen familiäre Gründe eine große Rolle.

Lebenspläne und Potenziale Älterer in Deutschland

Welche Lebenspläne und Potenziale haben 55- bis 70-Jährige in Deutschland? Aufschluss über diese Frage möchte ein Projekt des BiB gewinnen, dessen Zielsetzung und Methodik Dr. Andreas Mergenthaler vorstellte. Dabei widmete er sich vor allem dem Aspekt, inwieweit sich in dieser Altersgruppe gruppenbezogene Konstellationen „produktiver“ Tätigkeiten identifizieren lassen und wie sich diese statistischen Gruppen in soziodemografischer und -ökonomischer Hinsicht unterscheiden. Zudem interessiert sich das Projekt dafür, wie sich die Tätigkeitsabsichten nach Gruppen-zugehörigkeit unterscheiden und welchen Einfluss der Übergang in den Ruhestand auf die Tätigkeitskonstellationen und -absichten hat. Mithilfe hierarchischer Clusteranalysen arbeitete Dr. Mergenthaler diverse Cluster „produktiver“ Tätigkeiten der Nichtruheständler und Ruheständler heraus wie die „Nichterwerbstätigen, die „Vielseitig Produktiven“, die „Bürgerschaftlich Engagierten“ sowie die „Erwerbstätigen“. Darüber hinaus untersuchte er die Absichten zu künftigen „produktiven“ Tätigkeiten der Nicht-Ruheständler sowie der Ruheständler. Die bisherigen Ergebnisse zeigten, dass es Gruppen mit multiplen „produktiven“ Tätigkeiten gebe, sich aber das Ausmaß der Tätigkeiten nach dem sozioökonomischen Status unterscheidet. Nach dem Eintritt in den Ruhestand gehen die sozioökonomischen Unterschiede zwischen den Tätigkeitskonstellationen jedoch zurück. Dies ist möglicherweise ein Hinweis darauf, dass individuelle oder soziokulturelle Einflüsse in der Rentenphase für die Fortführung formeller und informeller Tätigkeiten wichtiger werden. Dr. Mergenthaler wies darauf hin, dass weiterführende Fragen im Längsschnitt sich mit der Veränderung der individuellen Konstellationen „produktiver“ Tätigkeiten und Absichten im Alter beschäftigen müssten. Zudem müsse geklärt werden, ob die Absichten zur Aufnahme oder Ausweitung einer „produktiven“ Tätigkeit umgesetzt werden und wie die Voraussetzungen hierfür aussehen.

Das Profil des Mortalitäts-Follow-Up der Nationalen Kohorte am BiB

Seit einigen Monaten ist das Teilprojekt Mortalitäts-Follow-Up der Nationalen Kohorte am BiB angesiedelt. Dr. Ronny Westerman nutzte den Rahmen der Tagung, um zentrale Aufgaben und Funktionen des Projekts vorzustellen. Er ging zunächst auf die Hauptmerkmale der Gesamtstudie „Nationale Kohorte“ ein und betonte, dass es sich hier um ein homogenes Studienprotokoll handle, welches eine große Probandenzahl umfasse, in die auch jüngere Altersklassen eingeschlossen sind. Allen Probanden und Studienteilnehmern werden Blutproben entnommen und für spätere Forschungsprojekte in einer zentralen Bioprobenbank gelagert. Nach 5 Jahren werden alle Teilnehmer erneut zu einer Untersuchung und zweiten Befragung in die Studienzentren eingeladen. Im Laufe der Nachbeobachtung über 10 bis 20 Jahre werden bei einigen Teilnehmern naturgemäß bestimmte Erkrankungen auftreten, die dann mit den erhobenen Daten in Verbindung gebracht werden können. Für die Umsetzung werden zudem auch bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) mit einbezogen. Der Ansatz des Projekts werde zu einer bisher noch nicht dagewesenen standardisierten Datenmenge führen, so Dr. Westerman. Das am BiB forschende Teilprojekt Mortalitäts-Follow-Up werde sich in erster Linie der Todesursachenerhebung bei verstorbenen Studienprobanden bei Gesundheitsämtern widmen. Im Kern gehe es um das Monitoring des regionalen Todesursachenprofils in der Grundgesamtheit und in den Rekrutierungsregionen zu Korrekturzwecken. Zielsetzung sei hierbei eine Vergleichbarkeit zwischen den Studienregionen und der Grundgesamtheit herzustellen bzw. den Vergleich einer repräsentativen Stichprobe aus der Rekrutierungsregion und den real erhobenen Informationen aus den Studienregionen zu ermöglichen.

Nächstes Treffen 2017 in der Schweiz
Die vorgestellten Beiträge belegten einmal mehr die Vielfältigkeit der demografischen Forschung und offenbarten, dass zwischen den drei Ländern aus demografischer Sicht einige Gemeinsamkeiten vorhanden sind. Gleichwohl zeigten sich doch erhebliche Unterschiede, die weiterhin beachtet werden sollten – gerade im Hinblick auf die Bewältigung der Folgen des demografischen Wandels. Inwieweit hier Annäherungen bzw. weitere Ausdifferenzierungen zwischen den drei Ländern stattgefunden haben, wird dann Thema des nächsten Treffens 2017 in der Schweiz sein.


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